Bee Stops. Bushaltestellen für Wildbienen

Ein Summen liegt in der Luft. Es ist kaum zu hören zwischen den vorbeifahrenden Autos, den vorbeieilenden Menschen und den vielen Geräuschen der Stadt. Nur noch wenige Minuten, dann kommt der nächste Bus. Die Wartenden schauen ungeduldig auf ihre Uhren, scrollen durch ihre Smartphones oder unterhalten sich miteinander. Alltag an einer Hamburger Bushaltestelle.

Doch nur wenige Zentimeter über ihren Köpfen zeigt sich ein anderes Bild. Zwischen Wildstauden und Sedum-Begrünung fliegen und krabbeln Wildbienen, Käfer und weitere Insektenarten hin und her. Die Fahrgäste, die unter ihnen stehen, bemerken sie kaum noch, gehören sie doch seit 2021 zum täglichen Busfahren dazu. Denn dort, wo früher Stahl, Glas und Blech aufeinandertrafen, darf es jetzt blühen, summen und brummen.

Begrünte Dächer von Bushaltestellen sind ein Teil von Hamburg geworden. Ein Pilotprojekt in Deutschland. Und es weitet sich aus.

Grüne Dächer für die Tierwelt

Die niederländische Stadt Utrecht war die erste weltweit, als sie 2019 systematisch Bushaltestellen-Dächer mit Pflanzen ausstattete. Ein Projekt, das nicht nur das Erscheinungsbild der Stadt verschönern, sondern auch Feinstaub binden, Regenwasser speichern und Utrecht an heißen Tagen möglichst kühl halten sollte. Zu den wichtigsten Zielen gehörten zudem die Förderung der Biodiversität sowie der Schutz von Wildbienen (zu denen auch Hummeln gehören) und Schmetterlingen. Beide Arten waren bereits damals und sind bis heute gefährdet. Durch die bepflanzten Bushaltestellen schuf die Stadt sogenannte Trittsteinbiotope: Zwischenstationen mit Nahrungsangeboten und Rückzugsmöglichkeiten für Insekten, durch die sie von Lebensraum zu Lebensraum gelangen können. Ein Modell, das in der ganzen Welt Menschen und Städte inspirierte. Viele zogen nach, unter anderem die Hansestadt Hamburg.

Das Hamburger Projekt

Für die Umsetzung der begrünten Bushaltestellen tat sich die Wall GmbH – ein auf Außenwerbung und Stadtmöblierung spezialisierter Anbieter – mit der Deutschen Wildtier Stiftung zusammen. Sie analysierten, entwickelten und setzten um. Die ersten grünen Dächer erhielten die Fahrgastunterstände an den Haltestellen Stadthausbrücke und Osterstraße.

Dabei vertraute das Projektteam nicht ausschließlich auf die besonders widerstandsfähige Sedum-Begrünung wie in Utrecht, sondern erweiterte sie um heimische Wildstauden. Ein Schritt, der das Nahrungsangebot für die heimischen Wildbienenarten deutlich verbesserte.

Von Beginn an wurde das 2021 gestartete Projekt wissenschaftlich begleitet. Erstmals haben Wissenschaftler damit den ökologischen Mehrwert kleiner Grünflächen auf Fahrgastunterständen erforscht.

Was haben grüne Bushaltestellen in Hamburg gebracht?

598 Individuen, verteilt auf 49 verschiedene Wildbienen und Wespenarten wurden auf den begrünten Bushaltestellen der Wall GmbH und der Deutschen Wildtier Stiftung gefunden. Darunter waren auch seltene und bedrohte Arten. Der wohl bedeutendste Fund war die Goldwespenart Omalus biaccinctus, die während der Studie erstmals in Hamburg nachgewiesen werden konnte. In der Regel ist sie in Süddeutschland zu finden und auch dort lediglich vereinzelt. In Norddeutschland war bis dahin nur ein Altfund aus Schleswig-Holstein bekannt. Der Verdacht der Wissenschaftler: Aufgrund des Klimawandels verlagert sich der Lebensraum der Art nach Norden.

Die Ergebnisse der Studie übertrafen sämtliche Erwartungen der Forschenden. Ihr Fazit: „Dies lässt den Schluss zu, dass die untersuchten Gründächer sehr wesentlich zur Entwicklung von Wildbienenpopulationen beitragen und damit an den untersuchten Standorten eine wichtige Rolle beim Artenschutz einnehmen. Ihre weitere Anlage ist zu begrüßen.“ (Die Wildbienen- und Wespenfauna zweier Gründächer auf Buswartehäuschen der Wall GmbH in Hamburg (Stadthausbrücke und Osterstraße), Deutsche Wildtier Stiftung, 2022)

Für das Projektteam war das Hamburger Projekt ein großer Erfolg.

Was begrünte Fahrgastunterstände nicht leisten können

Zu den größten Kritikpunkten an grünen Bushaltestellendächern gehören fehlende Nistmöglichkeiten, die Risiken, die zwischen den Dächern lauern wie Verkehr und Abgase, die Pflanzenauswahl und die möglicherweise fehlende Vernetzung zwischen den Flächen.

Fehlende Nistmöglichkeiten

Ein winziger Gang verschwindet im Erdreich. Mit dem bloßen Auge kaum zu entdecken. Wahrscheinlich ist er zwischen 10 und 50 Zentimeter tief. Vielleicht sogar tiefer – im Extremfall bis zu einem Meter. Ein typischer Nistplatz für etwa drei Viertel aller Wildbienen; der auf einem grünen Bushaltestellendach nicht gegraben werden kann. Die Trittsteinbiotope können eben ausschließlich als solche dienen: Als Trittsteine zwischen größeren Lebensräumen, in denen Wildbienen nicht nur Nahrung finden, sondern auch Nistplätze gestalten können.

Standort-Risiken

Ein dumpfer Ton und ein Fleck auf der Windschutzscheibe. Alle Autofahrer:innen haben wohl bereits erlebt, wie ein Insekt während der Fahrt auf der Frontscheibe verendet ist. Eine Gefahr, die auf für Wildbienen gilt, die zwischen Bushaltestellen hin und her fliegen. Hinzu kommen Abgase, die durch die Bienen aufgenommen werden können.

Bepflanzung

Gelb, rosa und lila blüht es auf dem Dach. Ein buntes Blumenmeer zwischen den grauen Straßen. Doch was schön aussieht, Feinstaub speichert und leicht zu pflegen ist, bietet für Wildbienen nur ein begrenztes Nahrungsangebot. Die beliebte Sedum-Begrünung bietet viele Vorteile. Doch erst in Kombination mit bestimmten Wildstauden und weiteren ausgewählten Pflanzen wird sie zum wertvollen Pflanzenmix für Wildbienen.

Fehlende Vernetzung

Weite Flächen, sandige Böden, vielfältige Pflanzenwelt – die besten Lebensbedingungen für Wildbienen finden sich immer noch außerhalb der Stadt. Grüne Flächen in der Stadt können als Trittsteine zwischen diesen Räumen dienen. Doch liegen sie zu weit auseinander – Bienen haben einen Flugradius von 50 bis 300 Metern – fehlt diese Verbindung. Und sie selbst sind als Nist- und Lebensplatz nicht geeignet.

Trotz berechtigter Bedenken ist sich die Wissenschaft zum Großteil einig: richtig bepflanzt und konzipiert, sind auch kleine Grünflächen für den Erhalt von Wildbienen wertvoll.

Vom Pilotprojekt zum Konzept

Ein Summen und Brummen über den Köpfen der Menschen gibt es mittlerweile auch in Berlin, Bonn, Duisburg, Wuppertal, Leipzig, Münster und vielen weiteren Städten allein in Deutschland. Auch international breiten sich die grünen Bushaltestellen aus. Wien, Helsingborg, Manchester, Pilsen und Sofia sind dabei nur einige Beispiele.

Noch sind die bepflanzten Dächer keine große Bewegung. Aber sie entwickeln sich zu einem funktionierenden Konzept. Mit einem durchdachten Pflanzenmix, dem richtigen Abstand zu größeren Lebensräumen und sorgsamer Pflege können sie zu wertvollen Trittsteinen für Wildbienen und weitere Insekten werden. Und damit der Natur zu mehr Raum in Städten verhelfen.

Die Wildbiene

Wildbienen sind bedroht. Ein Fakt, den heutzutage so gut wie jede:r kennt. In Deutschland wurde erstmals 1977 öffentlich über ihn diskutiert. Damals veröffentlichte D. Rühl die erste Rote Liste für Wildbienen. Seither wird durch Institutionen, Organisationen und Expert:innen regelmäßig darauf aufmerksam gemacht. Und gleichzeitig die Bedeutung der Wildbiene herausgestellt.

Wildbienen gelten als Schlüsselart. Als eine Art, die einen unverhältnismäßig großen und entscheidenden Einfluss auf die Struktur, Stabilität und die Artenvielfalt innerhalb ihres Ökosystems ausübt. Genau wie Schmetterlinge und Vögel gehören Wildbienen zu den Bestäubern. Sie fliegen von Blüte zu Blüte und verbreiten auf diese Weise Pollen, welche die Blüten befruchten. Es entstehen Früchte und Samen, von denen sich andere Tiere ernähren und durch welche sich Pflanzen verbreiten.

Was Lebensraum für Wildbienen bedeutet

Eine Wildbiene braucht drei Dinge: Nahrung, einen Nistplatz und beides in erreichbarer Nähe zueinander. Durch immer stärkere menschliche Eingriffe in die Natur wird die Umsetzung dieses scheinbar einfachen Prinzips immer schwieriger. Denn während domestizierte Honigbienen bei vielen Blumen Nahrung finden, sind viele Wildbienenarten auf ganz bestimmte Blüten spezialisiert. Hinzu kommt der eingeschränkte Flugradius von Wildbienen (ca. 50 bis 300 Meter). Findet die Biene innerhalb dieses Umkreises keine Pollen der Pflanzenfamilie, fehlt ihr die überlebensnotwendige Nahrung.

Auch der Nistplatz ist nicht beliebig. Rund drei Viertel der heimischen Wildbienenarten nisten im Boden: in sandigen, offenen, von der Sonne erwärmten Flächen, in die sie Gänge graben können. Andere Arten nutzen morsches Holz, hohle Pflanzenstängel, Mauerritzen oder leere Schneckenhäuser. Gemähte Rasenflächen, geharkte Beete und versiegelte Böden bieten keinen Lebensraum für Wildbienen.

Hinzu kommt die Zeit. Wildbienen sind nicht ganzjährig aktiv, sondern haben Flugzeiten von wenigen Wochen, manche im frühen Frühling, manche erst im Hochsommer. In genau diesen Wochen muss die richtige Pflanze blühen und der richtige Boden offen liegen. Fehlt eines davon, fällt die Art aus. Der Lebensraum für Wildbienen ist ein Zusammenspiel auf Pflanzen, Nähe, Boden und Zeit. Erst wenn alles zusammenkommt, bleibt die Wildbiene – und nutzt die Fläche nicht nur als Trittstein.

Quellen

https://www.wildbiene.org

https://www.deutschewildtierstiftung.de/mediathek/videos/bluehende-haltestellen-fr-wildbienen

https://www.swb-busundbahn.de/aktuelle-meldungen/details/bee-stops-bushaltestellen-fuer-fahrgaeste-und-insekten

https://www.brightvibes.com/de/von-bushaltestellen-zu-bienen-haltestellen-utrecht-verwandelt-bushaltestellen-in-gruene-oase

https://bv-hh.de/rails/active_storage/disk/eyJfcmFpbHMiOnsiZGF0YSI6eyJrZXkiOiJpZzFwMzQ3bzl0YzB3MzZobjBpdG00YTIzMDI1IiwiZGlzcG9zaXRpb24iOiJpbmxpbmU7IGZpbGVuYW1lPVwiQW5sYWdlenVyU3RuQlZNRHJzMjEtNzE5OV9XYWxsX01vbml0b3JpbmdfWnVzYS5wZGZcIjsgZmlsZW5hbWUqPVVURi04JydBbmxhZ2V6dXJTdG5CVk1EcnMyMS03MTk5X1dhbGxfTW9uaXRvcmluZ19adXNhLnBkZiIsImNvbnRlbnRfdHlwZSI6ImFwcGxpY2F0aW9uL3BkZiIsInNlcnZpY2VfbmFtZSI6ImxvY2FsIn0sInB1ciI6ImJsb2Jfa2V5In19–306427f6b88e57f061a3b7838ff08b91cc6c0db8/AnlagezurStnBVMDrs21-7199_Wall_Monitoring_Zusa.pdf

https://www.deutschewildtierstiftung.de/aktuelles/artikel/top-adresse-fur-berlins-insekten

https://dialog.hochbahn.de/allgemein/warum-haltestellen-und-daecher-auf-einmal-bluehen/

https://www.deutschewildtierstiftung.de/aktuelles/artikel/mehr-platz-fur-hamburgs-wildbienen-und-insekten

https://www.zeit.de/news/2023-04/20/knapp-50-verschiedene-wildbienen-auf-begruenten-unterstaenden

https://www.buschhueter.de/begruente-fahrgastunterstaende-zeigen-ueberraschende-ergebnisse/

https://www.eimsbuetteler-nachrichten.de/begruente-bushaltestelle-gruendaecher-osterstrasse-bienen-wespen/

https://www.hinzundkunzt.de/wp-content/uploads/2025/06/72dpi_HK_366_gesamt.pdf

https://www.wildbienen.info/rote_listen/index.php

https://www.zoo-hannover.de/keystone-species

https://blog.server-daten.de/de/2019-07-14/Utrecht-turns-316-Bus-Stops-into-Bee-Stops—Utrecht-begruent-Daecher-von-316-Bushaltestellen–um-Bienen-und-anderen-Insekten-zusaetzlichen-Lebensraum-zu-bieten-691

https://www.wildbienen.de/wbs-bode.htm

https://www.duh.de/informieren/landwirtschaft-und-ernaehrung/insekten-und-bienen-schuetzen

https://umweltinstitut.org/landwirtschaft/insektensterben/

Bildnachweise

®Silvana

®Deutsche Wildtier Stiftung

®Canva

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bushokjes_met_sedumdaken,Utrecht(48608992392).jpg

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Groene_bushalte_in_Utrecht_Terwijde.jpg