An Olivier Rubbers zieht die Straße vorbei, während er erschöpft am Steuer sitzt. Die Fahrt nach Bayern war lang gewesen. Übernachtet hatte er nur im Auto. Doch bis zu seinem Ziel ist es nun nicht mehr weit.
Und sein Plan war aufgegangen. Seine gefälschten Papiere waren nicht hinterfragt worden. Völlig problemlos hatte er seine Fracht einladen und mitnehmen können. Selbst der Grenzübertritt verlief reibungslos.
Jetzt sind es nur noch wenige Kilometer bis zum Fluss. Hinten im Auto ist es unruhig. Auch für die Biber war es eine lange Fahrt in ihre neue Heimat. Sie würden die ersten ihrer Art seit 150 Jahren in Belgien sein. Olivier hatte sie zurückgeholt. Und er war fest entschlossen: Es würden noch mehr werden.
Olivier Rubbers und das „beaver bombing“
1998 steht es schon lange mehr als schlecht um die Biber in Belgien. Seit etwa 150 Jahren gelten sie in dem Land als ausgestorben. Über Jahrhunderte hinweg wurden sie systematisch wegen ihres Pelzes, ihres Fleisches und eines Drüsensekrets gejagt. Gleichzeitig wurde ihr Lebensraum immer weiter zerstört: Landschaften wurden trockengelegt, Flüsse begradigt, Städte breiteten sich aus, die Landwirtschaft beanspruchte Räume für sich. Für den Biber blieb kein Platz.
Eine Tatsache, die den damals 29-jährigen Olivier Rubbers bisher nicht weiter beschäftigt hat. Bis er die Farm seines Freundes Achille besucht. Sie heißt „Ferme des castors“, zu deutsch: Farm der Biber. Ein Name, der Olivier stutzig werden lässt. Warum nimmt sein Freund keinen Namen einer einheimischen Tierart? Achille erklärt ihm, dass er genau das getan hatte. Über Millionen von Jahren gehörte der Biber zu den heimischen Tierarten. In ganz Europa. Doch wo waren die Biber hin?
Kurze Zeit später liest Olivier einen Artikel in einem Natur-Magazin. Er erfährt, dass es Biber überall in Europa gegeben hatte, auch in Belgien. Erst die Jagd durch den Menschen hat ihn immer weiter zurückgedrängt und in vielen Ländern völlig ausgerottet. Olivier ist erschüttert. Und eine fixe Idee entsteht in seinem Kopf: Wieso die Biber nicht einfach zurück nach Belgien holen?
Die Rückkehr der ersten Biber
Der Plan, den Olivier Rubbers 1998 schmiedet, ist einfach. Wenn der Biber über einen so langen Zeitraum in Belgien heimisch war, ist er an die Lebensbedingungen dort angepasst. Es fehlt aktuell einfach an den Bibern. Also müssen sie wieder angesiedelt werden.
Er beginnt zu recherchieren, liest sich in die belgische Gesetzgebung ein und spricht Ministerien an. Zusätzlich tritt er mit Menschen in Kontakt, die sich ebenfalls für Biber einsetzen – und von denen er Biber für Belgien erhalten könnte. Doch die Wiederansiedelung stockt, bevor sie beginnt.
Olivier erhält von den Behörden keine Genehmigungen. Zuständigkeiten bleiben unklar, die Behörden untätig. Es ist frustrierend für Olivier. Bis er eines Tages einen Anruf vom Wildbiologen Gerhard Schwab aus Bayern erhält: wie es aussähe mit den Genehmigungen, denn er hätte nun Biber für Olivier.
Kurz entschlossen leiht sich der Belgier das Auto seines Vaters, fährt nach Deutschland, lädt die Biber ein, macht sich auf den Heimweg und setzt die Tiere in belgische Gewässer aus. Alles ohne offizielle Genehmigung. Olivier Rubbers: „Ich hatte alle Genehmigungen, die ich brauchte. Das waren, meiner Meinung nach, gar keine Genehmigungen.“
Ein Vorgehen, das hohe Risiken mit sich bringen kann. Es drohen nicht nur rechtliche Konsequenzen für Olivier, sondern auch politische Konflikte und das Scheitern des Projekts. Was, wenn die Biber mehr Schaden als Nutzen bringen? Illegale Wiederansiedlungen bedeuten nicht professionellen Naturschutz. Sie können genetische Probleme auslösen, Gleichgewichte durcheinanderbringen oder bestehende Schutzstrategien unterlaufen. Alles Gründe, wegen denen Genehmigungsverfahren komplex sind.
Olivier jedoch hat Glück: Die Wiederansiedlung der Biber in Belgien gelingt. In 2 Jahren transportiert er über 100 Biber von Deutschland nach Belgien. Das Projekt wird zum Erfolg. Die Biber beginnen die Natur zu verändern und starten auf ganz natürliche Weise einen Renaturierungs-Prozess, von dem unzählige weitere Tierarten profitieren.
Beaver bombing – vom Untergrund-Netzwerk zum Erfolgskonzept
Was Olivier Rubbers 1998 beginnt, wird zum Vorbild weltweiter Aktionen von Tier- und Umweltschützern. Das unrechtmäßige, geheime Aussetzen von Bibern in der Natur hat sich als das sogenannte beaver bombing (Biber Bombardierung) in der Szene etabliert. Der Begriff steht dabei nicht nur für die illegale, moderne Besiedelung mit Bibern, sondern auch für eine offizielle Aktion von 1948 in den USA – bei denen Biber mit Fallschirmen aus Flugzeugen geworfen wurden.
Beaver Black Ops
Als sich die Menschen durch den entstehenden Wohlstand nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA weiter ausbreiteten, wurden ihnen die Biber in McCall in Idaho plötzlich zum Ärgernis. Kurzerhand entwickelte sich die Idee, die Biber weiter in die Wildnis hinein auszusiedeln. Das Chamberlain-Becken wurde zum erklärten Ziel. Doch dieses war schwer zu erreichen. Die Lösung: 76 Biber wurden in Holzkisten an Fallschirme gehängt und aus einem Flugzeug abgeworfen. Durch einen speziellen Mechanismus öffneten sich die Kisten bei der Landung und die Biber konnten damit beginnen, ihr neues Zuhause zu gestalten. Nur ein Tier starb bei der Aktion. Es befreite sich noch im Flug aus seiner Kiste.
Modernes beaver bombing
Die modernen Biber Bombardierungen, die 1998 durch Olivier Rubbers begannen – damals allerdings noch nicht so genannt wurden – sind im Vergleich zur Aktion von Idaho behördlich nicht unterstützt und in der Regel illegal. Durchgeführt wird es von Untergrundorganisationen, die sich für Umwelt- und Artenschutz sowie Renaturierung einsetzen. Denn das Prinzip von 1948, das gilt auch heute: Biber werden in Landschaften ausgesetzt, in denen sie früher heimisch waren. Und dort starten sie ihre Arbeit.
Der Biber als Landschafts-Architekt
Biber gelten als Schlüsselart. Als eine Tierart, die überproportional wichtig für ökologische Struktur und Stabilität ist. Sie sind wahre Landschafts-Ingenieure. Durch ihre natürliche Lebensweise, insbesondere durch den Bau von Dämmen, schaffen sie Feuchtgebiete, sorgen für Überschwemmungsschutz und gestalten für viele weitere Tierarten neue Lebensräume. Gerade Insekten, Vögel, Fische, aber auch bestimmte Pflanzenarten profitieren von den Landschaftsarbeiten der Biber. Dies erhöht auf natürliche Weise die Biodiversität.
Sind Biber wirklich so gut für die Umwelt?
Doch immer wieder sorgen Biber auch für Ärger. Besonders bei Landwirten und in der Forstwirtschaft können Stauungen durch Biberdämme, Untergrabungen von Flächen und das Fällen von Bäumen durch die Nagetiere hohe Verluste bedeuten. Aufgrund dessen kommt es auch heute noch zu Zerstörungen von Biberbauten oder zu illegalen Abschüssen der geschützten Tierart durch den Menschen.
In anderen Teilen der Welt werden Biber zum Beschleuniger des Klimawandels. Aufgrund der steigenden Temperaturen weltweit, breiten sich die Tiere in hohen nördlichen Gebieten, wie beispielsweise in Alaska, immer weiter aus und krempeln die Natur gehörig um. Durch ihre Dammbauten schaffen sie neue Seenlandschaften, die das Auftauen des Permafrostes beschleunigen und damit den Klimawandel ankurbeln.
Prospertura ordnet ein: Renaturierung als Erfolgskriterium
Was durch beaver bombing passiert, das lässt sich in unsere Prospertura-Erfolgsprinzipien unter Renaturierung einordnen. Ehemals durch den Menschen angepasste Landschaften werden durch die Biber wieder in einen natürlichen Zustand versetzt. Ihre Dämme stauen das Wasser, halten es an Ort und Stelle, wodurch Feuchtgebiete entstehen.
Die Wiedervernässung, die hier durch das Eingreifen der Biber passiert, gehört zu den essenziellen Maßnahmen im Naturschutz. Sie fördert Biodiversität, senkt Treibhausgasemissionen, unterstützt die Rückkehr typischer Moorflora und -fauna und reguliert sowohl Dürre als auch Hochwasser.
Renaturierung – vom Biber zum Menschen. Abschlussgedanken.
Biber in ihre früheren Heimatgebiete zurückzubringen und damit die Landschaft zu renaturieren, liest sich wie eine kuriose Erfolgsgeschichte. An vielen Orten hat sie genauso funktioniert. Nicht nur Olivier Rubbers hat dieses Prinzip genutzt. Auch in Devon in England ist beaver bombing belegt. In Deutschland und Tschechien gibt es Verdachtsfälle.
Doch rechtswidrige Eingriffe in Natur und Strukturen bringen immer Risiken mit sich. Laufende Sicherungsmaßnahmen können unterwandert werden, unvorhergesehene Auswirkungen auf die Natur auftreten. Teilweise drohen persönliche Konsequenzen.
Dennoch ist sicher: Renaturierung ist ein Erfolgsprinzip für den Schutz von Ökosystemen. Weltweit organisieren sich Menschen – ob privat, ehrenamtlich oder beruflich – um beschädigte Strukturen wieder funktionsfähig zu machen. Sie sind nicht laut, aber dauerhaft wirksam.
Und das nicht nur für die Natur. Auch Menschen gewinnen durch Renaturierung: sie schützt vor Dürre genauso wie vor Hochwasser, sorgt für lokale Kühlung, stabilisiert die Landwirtschaft und steigert Lebens- und Wohnqualität. Damit ist Renaturierung auch wirtschaftlich gesehen wichtig. Vor allem, weil – einmal passiert – sie sich selbst erhält.
Natur muss nicht gestaltet werden. Sie muss arbeiten dürfen.
Historie
Eine kurze Geschichte des Bibers in Europa.
Dass der Biber in den 1990er-Jahren in Belgien schon lange als ausgestorben gilt, ist damals keine europäische Seltenheit. Auch in Italien, Spanien und Portugal gab es bereits seit dem Mittelalter keine Bestände mehr. In Österreich und der Schweiz hatte gerade erst die Wiederansiedelung begonnen. Nicht besser sah es in Großbritannien aus: dort hatte es seit beinahe 500 Jahren keine Biber mehr gegeben.
Dabei waren Biber über viele Millionen Jahre in Europa und Asien weit verbreitet. Die ältesten Nachweise des eurasischen Bibers in Europa sind etwa 15 Millionen Jahre alt. Bis ins Mittelalter hinein gehörten sie zum gewohnten Landschaftsbild. Doch je weiter sich der Mensch ausbreitete und je mehr Menschen es gab, desto schlechter sah es für den Biber aus.
Bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein rottete der Mensch ihn durch systematische Jagden großflächig aus. Grund waren Zerstörungen der Tiere an Wäldern und in der Landwirtschaft. Aber auch als Jagdbeute waren Biber beliebt.
Besonders begehrt waren sein warmer Pelz und sein Fleisch. Letzteres erlebte einen wahren Boom, als auf dem Konstanzer Konzil (1414 – 1418) festgelegt wurde, dass alles, was im Wasser lebt, zur Fastenzeit gegessen werden dürfe. Damit galten Biber als „Fisch“ und ihr Fleisch landete nun häufig in den Kochtöpfen der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Menschen.

Doch auch ein Sekret aus den Analdrüsen des Bibers – das sogenannte Bibergeil – war eine beliebte Beute. Dieses Sekret, welches der Biber eigentlich zur Markierung seines Revieres nutzt, enthält Salicylsäure, die in vielen modernen Schmerzmitteln zum Einsatz kommt. In der Frühen Neuzeit wurde das Bibersekret zur Behandlung von Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen und allgemeinen Schmerzen eingesetzt. Doch auch in der Parfümherstellung und als Lebensmittelaroma war (und ist es teilweise bis heute) beliebt.

